Montag, 16. Februar 2015

MIßLUNGENE EPOPÖE oder FRANKFURT HAT ZUKUNFT

MIßLUNGENE EPOPÖE oder
KANTATE MIT MEHREREN EINSÄTZEN UND EINEM HAPPYEND oder
FRANKFURT HAT ZUKUNFT


Einar Schlereth
Oktober 1968

Erblassend stehen Regenbögen im schnittreifen Chemikaliendunst,

In laut dösenden Hinterhöfen bleichen frierend Mondlichtzeichen,

kleben Lichttropfen zäh an tristen Zimmerdecken,

Verrückt gewordene Kandelaber fangen an, im Pernsehlicht zu nicken

Und in Abflußrohren klickert unaufhörlich Traurigkeit,

Unaufhörlich tönen Namen auf den Lippen Namenloser,

dampfen auf geteerten Dächern Regenpferde,

schäumen durch die Regenrinnen,

tanzen Sohweißlichter zischelnd auf der Oberleitung,

umflattern Tag-geträumte Städte, im Nachtfalterflug,

die Agonie der Neonröhren,

die unleserliche Blink-Signale ticken,

im magischen Kreis betrunkener Laternen

hüpfen blöde Greise Zauberworte lallend,

beim baldrianbanknotenduft Strichmiezen miauen,

Schamlippen-schürzend, Liebe-leckend,

Heimweh-schluckend, Rotze-spuckend: die Kaiserstraßennächte dieser Stadt.


Vor meinen Mund nehme ich kein Blatt,

ich hab' sie satt,

diese Stadt,

die unersättlich wuchert

im Treibhaus ihrer tausendjährigen Geschichte:


Kaiser und Könige, die voller Würde mit eiternden Hoden

das Spalier nackter, bebender Jungfrauen abschritten,

Kaufleute prahlsüchtig Wappen-Waffen schmiedend,

der Rückkehr ihrer Goldkarawanen entgegenzitterten,

Professoren, onanierend am Fuße des Altares,

von der Auferstehung des großmächt'gen Reiches faselten,

bis über dieser Stadt unterm Kreuz, nach Mitternacht,

geräuschvoll, zwischen Christbäumen, der Bombenteppich sich entrollte.


Da kam ihre Stunde und sie hatte die Wahl, doch dann,

wie ein gichtkranker Mann

sich aus den Federn quält,

hat sich diese Stadt

aus den Ruinen geschält.




Und Irrlichter tanzten auf den Türmen der Hoffnung,

im Peuersalamanderrauch.

Sie blieb, was sie war

eine Goe-Goe-Goethe-Stadt,

kein Wunder, dass sie niemand mag

und Börne, Beckmann sind im Grab.




Ich nehme kein Blatt vor den Mund,

bin dreißig Jahre und gesund,

deshalb hab' ich sie satt,

diese Stadt,

die blieb, was sie war,

der leuchtend weiße Keime sprießen,

verflochten ln finstren Verliesen.




Die blieb, was sie war,

voll Mitternachts- und sonstiger Messen, überjettet, verfettet, liegt sie im Koma,

ein feuchtes Trauma.

Da jagen weiße Mäuse, vom Wahnsinn geschüttelt kreuz und quer

hinter Gangstern und Phantomen her,

spähen in Gullies,

knüppeln die Kulis,

feiern Orgien in dur und moll

oh, hab' den Kanal so voll -


Da sohaukeln Walrossherden in Apfelweinschenken

da blitzen Bullenaugen hinter Stadtparkbänken,

da lässt diese Stadt,

unter Glockengebimmel,

am Hoechster Farbwerkenhimmel,

Kemeny-Wolken aus Messing hochzieh'n

und Bibliothekswärter wird Zadkine.


Da hängt diese Stadt,

mit Elephantenohren, an ihren Börsentoren,

stochert masochistisch in Opernhauswunden,

kommt ohne Defizit nicht über die Runden,


rülpst und furzt wie ein Warzenschwein,

pisst von allen Seiten in den Main,

und ihrem Kanallienkadaver

fallen beim Zukunftspalaver

die Zähne, morsch und faul,

aus dem stinkenden Maul.


Vielen Dank,

frei und frank,

diese Stadt,

ioh hab sie satt.

Gelobt und gebenedeit die Wege,

die vorüberführen an dieser Stadt.

Wandrer schließt die Augen und gebt Gas,

legt euch weit weg in feucht-warmes Gras.

Und dir, mein geliebter Gorilla

werde ich heimlich die Zootür öffnen,

der du dich bemühst, glotzende Horden

mit frisch-dampfender Scheiße zu morden.



Und ich irre auf zackig-krummen Sekundenpfaden durch diese Stadt,

meine Füße hopsen über Katzenköpfe,

trennen sich, kreuzen sich, verlieren die Richtung,

Achtung! Ein Blaulicht, sie gehen in Deckung
-
wieder führt sie das blöde Sohicksal zusammen,

wie meine Hände,

die ihre schönen Federn verloren

bei ihrem Taubenflug

und Ziegel in die Pflastersteintiefe rissen

bei ihrem Taubensturz

und sehr sentimental wurden

beim Mondscheinkuss,

im ungesetzlichen Magnetfeld dieser Stadt,

deren Hauserspäne nie ins Gleichgewicht geraten.

Diese Stadt ist eine Symphonie

für siebenhunderttausend Irre

und ein dutzend elektronenbehaarter Computer.

Und sie kreist so schön irr-äugig, grünlich-violette Kreise

diese Stadt ...

Eine Stadt,

die so schön kreist,

sollte in Ewigkeit kreisen um den blauen Saturn,

um ihr Epiphytendasein fortzusetzen.






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